Zum Ende der Fastenzeit: Nie mehr ohne…
Einen Abend in angenehmer Gesellschaft und einem guten Essen zu verbringen, hat etwas Verlockendes und Gediegenes zugleich. Selten genug kommt es vor, dass ich mich mit Uli, einem befreundeten Journalisten ausführlich und in Ruhe unterhalten kann.
Daher verabreden wir uns zum Abendessen, führen ein angeregtes Gespräch, in dem solche Fragen wie “Welches Buch liegt gerade auf Deinem Nachttisch?” durchaus ihre Berechtigung haben. So ereilt mich dann auch diese Frage, und ich zögere einen Moment. Soll ich Uli erzählen, dass ich gerade ein Buch über erfolgreiche Haltung und Zucht südamerikanischer Schmuckhornfrösche lese? Wäre interessant, welche Wendung dann unser Gespräch nehmen würde, nachdem wir uns ausdauernd über unsere Lieblingsfilme, -musik und -literaten ausgetauscht haben.
Ich lasse das, mein Faible für herpetologische Themen stößt nicht auf ungeteilte Zustimmung und Interesse, möglich, dass ich damit in einer Sackgasse lande. Statt dessen lege ich die Grenzen einer wahreheitsgemäßen Beantwortung etwas weiträumiger aus und schwäreme von einer restaurieten Neuauflage von Hans Falladas Roman “Jeder stirbt für sich allein”.
Uli hat es auch gelesen, das Gespräch fließt so lange weiter, bis er sich plötzlich erhebt und sich für einen Moment entschuldigt. Nicht weiter ungewöhnlich, wenn man nach Stunden anregender Unterhaltung und einem Liter Mineralwasser mal eben auf die Toilette muss.
Zu erklären wäre in diesem Moment, dass wir uns beide inmitten der Fastenzeit zum Abendessen verabredet haben. Und – um die Situation etwas zu präzisieren – beide die Zeit zwischen Fasching und Ostern nutzen, um uns selbst etwas richtig Gutes zu tun. Übereinstimmend stellen wir fest, dass wir beide fasten. Die Motivation ist identisch: Reduzierung des Körpergewichts aber auch der bewusste Verzicht auf Genussmittel wie Alkohol oder Süßwaren. Dem Körper tut’s gut, dem Geist auch…
Aber womit? Andere Gäste beobachten? Wie peinlich. Den Kellner? Der könnte den Blickkontakt falsch verstehen und die Rechnung anschleppen. Bleibt eigentlich nur das Handy. Ohnehin hat es während unseres Gesprächs ein paar mal vor sich hin vibriert. Es muss also etwas geschehen sein. Also schnell: Du hast etwa vier bis fünf Minuten, um zu sehen, ob Dich wer angerufen hat, eine SMS abgschickt wurde, eine Mail, eine What’sApp-Nachricht, ein Update für eine App, eine Benachrichtigung von Facebook, eine Tickermeldung auf einem Portal, und, und, und…
So wenig Zeit für so viele Möglichkeiten. Denn natürlich möchte ich mir nicht die Peinlichkeit geben, wie ein Blöder auf meinem Handy rumzutippen, wenn Uli zurück kommt. Das sähe ja so aus, als wäre ich genauso ein Online-Junkie, ein Getriebener, ein Netz-Süchtiger, ein Mail-Abhängiger wie all die anderen, die, wenn sie mal fünf Minuten allein sind, nichts andres mehr mit sich anzufangen wissen, als auf ihrem Telefon die digitale Welt in Einklang mit der realen zu bringen.
Tatsächlich entpuppt sich schon beim ersten Blick auf das Display das vorherige Vibrieren als Signal einer absoluten Nichtigkeit. Bevor Uli wieder da ist, weiß ich, dass ich mir das auch später – oder gar nicht – näher anschauen werde. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich werde noch nicht ganz in der U-Bahn sitzen, da habe ich das Telefon in der Hand. Und wieder werde ich verpassen, rechtzeitig aufzustehen und die Bahn zu verlassen, weil ich wieder mal zu lang die neuesten Neuigkeiten aus aller Welt checken werde. Ist ja nicht das erste Mal.
Ich erinnere mich an einen Fernsehbeitrag, in dem eine Gruppe Jugendlicher während der Fastenzeit auf Facebook verzichtet hat und ganz überraschend die Erfahrung gemacht hat, dass man sich auch im realen Leben unterhalten kann.
Aber soweit wollen wir’s dann doch nicht kommen lassen…
